Man muss auch mal Kante zeigen

von syntra

Dieser Text erscheint im Original in HR Performance 05/2018.

Wer etwas bewegen will, sei es in der Wirtschaft, in der Politik oder in der Kunst, muss eine klare Linie haben. Und er muss sie auch zeigen – so wie Stefanie Kreusel. Sie gehört dem Telekom-Konzern an, und "Kante zeigen" ist ihre Lebensphilosophie. "Ich habe es zwar nicht erfunden“, sagt sie, „aber man kann schon sagen, dass ich Expertin darin bin." Das kommt nicht nur ihrer Karriere zugute, sondern auch ihren Mitarbeitern, denn Stefanie Kreusel ist eine, die sich einsetzt. Für sich selbst und für andere. Ihr geht es in Zeiten des digitalen Wandels nicht primär um Zahlen oder Technologien, sondern um den Menschen.

Wie schafft man es in die Führungsriege eines Weltkonzerns wie der Telekom? Muss man in der Schule ein "Überflieger" sein, das Abitur im Galopp nehmen und kontinuierlich die Karriere im Blick haben? Auf Stefanie Kreusel trifft das alles nicht zu. Sie wurde 1962 in Chemnitz geboren und siedelte drei Jahre vor der Wende in die Bundesrepublik Deutschland über. Was sie an Business-Wissen mitbrachte, war – bedingt durch das DDR-Schulsystem – überschaubar. In Westdeutschland absolvierte Stefanie Kreusel zunächst eine kaufmännisch-technische Ausbildung, später erwarb sie auf dem zweiten Bildungsweg einen internationalen MBA-Abschluss in Boston und in Zürich. Dass sie zu dieser Zeit alleinerziehende Mutter war, machte es zwar nicht leichter, stellte aber keine unüberwindbare Hürde dar. Denn die wichtigste Voraussetzung für ihren beruflichen Erfolg brachte sie von Kindesbeinen an mit: den Glauben an sich selbst. "Man darf sich nicht beirren lassen", ist sie überzeugt. "Nicht von widrigen Umständen, nicht von hohem Arbeitsaufwand und erst recht nicht von Leuten, die einem das, was man vorhat, nicht zutrauen. An sich selbst zu glauben, ist der wahre Schlüssel zum Erfolg."

"Einzelkämpfertum ist kein Erfolgsmodell!"

Aber hat sie nicht auch wenig Glück gehabt? "Ja, ich hatte Glück", erklärt Stefanie Kreusel, "und zwar insofern, als es um mich herum immer Menschen gab, die mich unterstützt haben. Meine Familie, meine Freunde, später auch Vorgesetzte und natürlich mein Mann – sie alle haben dazu beigetragen, dass ich meinen Weg gehen konnte." Vielleicht ist das der Grund dafür, dass es ihr heute ein Bedürfnis ist, Projekte gemeinschaftlich voranzubringen und sich für andere einzusetzen. Denn neben dem, was sie in den ersten Jahren ihrer Karriere über sich selbst lernte – zum Beispiel, das Aufgeben schlicht nicht ihrer Natur entspricht –, lernte sie auch viel über das Wesen des Kollektivs. "Der Mensch ist vor allem deshalb zur führenden Spezies auf diesem Planeten geworden, weil er seinesgleichen hilft. Nur wenn alle oder zumindest viele am selben Strang ziehen, kann etwas Großes bewegt werden." Ist sie eine Teamplayerin? "Ich bin vor allem eine Netzwerkerin", antwortet sie vorsichtig. "In meiner Position kann man nicht immer teamkonform agieren. Wer sich in der Führungsetage behaupten will, muss auch mal gegen den Strom schwimmen – zumindest so lange, bis einige andere umdenken und in derselben Richtung mitschwimmen. Aber natürlich ist Einzelkämpfertum in unserer Wirtschaftskultur kein Erfolgsmodell, so viel steht fest."

Immer ein offenes Ohr – und eine offene Tür

Stefanie Kreusel hat zwei Aufsichtsratsmandate und etliche Vorsitze inne: Als stellvertretende Vorsitzende des Konzernsprecherausschusses der Deutschen Telekom AG und Vorsitzende des Unternehmenssprecherausschusses der T-Systems International GmbH vertritt sie die Interessen der leitenden Angestellten, außerdem ist sie Bundesvorsitzende von "syntra – das Management Netzwerk der Deutschen Telekom". Ihre Ämter und Funktionen spiegeln allesamt wider, worum es ihr bei ihrer Arbeit grundsätzlich geht: den Menschen mit seinen Ideen, seiner Schaffenskraft und seinen individuellen Bedürfnissen in den Mittelpunkt zu stellen. Die Digitalisierung versteht sie in diesem Kontext als Chance: "Sie schaft Möglichkeiten, das menschliche Bedürfnis nach Individualität besser zu erfüllen. Wir werden von stupiden Routinen und strukturellen Zwangskorsetten wie starren Arbeitszeiten befreit. Tatsächlich können wir im Zuge der Digitalisierung eine generelle Humanisierung der Arbeit herbeiführen – wenn wir die entsprechende Haltung dafür haben." Dass Stefanie Kreusel diese Haltung hat, steht außer Frage: Sie hat ein Auge für Dinge, die sich verbessern lassen, und ein Ohr für die Sorgen und Nöte ihrer Mitarbeiter. "Meine Tür ist jederzeit offen", sagt sie selbst. "Ich habe noch nie jemanden, der mit einem Problem zu mir kam, einfach wieder fortgeschickt."

More women on top: Engagement für Frauen in Führungspositionen

Ihr besonderes Engagement gilt Frauen. "Das Thema Frauen in Führungspositionen ist in Deutschland ein schwieriges", sagt sie. "Ich bin seit mehr als 25 Jahren in namhaften Konzernen auf Managementebene tätig, und die Entwicklungsmöglichkeiten für weibliche Führungskräfte sind nach wie vor nicht optimal." Sie tut einiges dafür, dass sich das ändert: Schon vor Jahren initiierte sie bei T-Systems gemeinsam mit ver.di ein Projekt, das es Frauen leichter machte, sich für Führungspositionen zu qualifizieren. "Ein Teil des Problems besteht darin", erklärt Stefanie Kreusel, "dass sich Frauen trotz vorhandener Qualifikation nicht so recht trauen, Führungsrollen zu übernehmen. Das darf nicht sein. Meine Botschaft an die Frauen lautet: Trauen Sie sich etwas zu! Frauen verfolgen ihre Karriere oft nicht so ambitioniert wie Männer, und sie sind generell kompromissbereiter. Das ist zwar nicht verkehrt, aber man muss eben auch mal Kante zeigen. Ich persönlich habe niemals Angst vor beruflicher Verantwortung gehabt." Entsprechend weit nach oben ist sie auf der Karriereleiter gekommen. Geht es für sie überhaupt noch weiter hinauf? "Nein", sagt sie. Dann lächelt sie: "Das heißt, doch: Ich könnte noch Bundespräsidentin werden."

Bei der Digitalisierung geht es um die Gesellschaft

Sind wir tatsächlich bereit für eine digitale Zukunft? Stefanie Kreusel hat da ihre eigene Meinung. Sie ruft dazu auf, ernsthaft über digitale Verantwortung nachzudenken.

HRP: Frau Kreusel, als Aufsichtsratsmitglied beim größten Telekommunikationsanbieter Europas haben Sie einen besseren Überblick über den digitalen Wandel als die meisten anderen Menschen. Wie können wir als Gesellschaft diesen Wandel meistern? 

Stefanie Kreusel: Indem wir den Menschen in den Mittelpunkt stellen! Es geht nicht in erster Linie um Effizienz oder um die Umsetzung des technisch Machbaren, sondern darum, die allgemeine Lebensqualität zu verbessern..

HRP: Wie meinen Sie das?

Kreusel: Wenn wir seltener im Stau stehen, kommt das unserer Lebensqualität erst einmal zugute – intelligente Verkehrsführungssysteme und digital gesteuerte Sharing-Konzepte sind also ein echter Fortschritt. Aber wie geht es weiter, was machen wir daraus? Die Realisierung von Effizienzpotenzialen in der Mobilität kann dazu führen, dass die Verkehrsdichte ins Unermessliche wächst und dass der Mensch am Ende keinen Meter mehr zu Fuß geht. Das wiederum wäre sehr schlecht für unsere Lebensqualität. Also müssen wir uns disziplinieren: Wir müssen uns anschauen, welche strukturellen Veränderungen sich durch digitale Innovationen ergeben, und wir müssen uns überlegen, inwieweit wir diese zulassen wollen. Es braucht digitale Verantwortung.

HRP: Wer soll die übernehmen?

Kreusel: Eine sehr gute Frage – im Zweifel derjenige, der als erster ihre Notwendigkeit erkannt hat. Aber digitale Verantwortung ist ohnehin nichts, was sich ein Einzelner aufbürden kann oder sollte. Auch nicht ein einzelnes Unternehmen. Die Digitalisierung geht alle Gesellschaftsbereiche an: Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Bürgertum. Darum müssen sich auch alle der digitalen Verantwortung stellen.

HRP: Das wird nicht einfach zu organisieren sein.

Kreusel: Nein. Deshalb hat die Telekom das Format der Expertenkreise etabliert, für das ich als Schirmherrin fungiere – es ist aus einem vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend geförderten Programm hervorgegangen und führt in regelmäßigen Abständen Vertreter aller Gesellschaftsbereiche zum Diskutieren zusammen.

HRP: Was wird dort diskutiert?

Kreusel: Fragen, die für den Eintritt in eine digitale Zukunft relevant sind – zum Beispiel, ob künstliche Intelligenz die Welt besser macht oder wie sich die Digitalisierung auf das Zusammenspiel der Generationen auswirkt.

HRP: Aber können in einem solchen Rahmen denn überhaupt konkrete Vorgehensweisen beschlossen werden? Und selbst wenn: Der Fortschritt lässt sich doch ohnehin nicht aufhalten.

Kreusel: Eben. Die Digitalisierung schreitet unweigerlich voran, und sie ist disruptiv – da muss man frühzeitig über eventuelle Auswirkungen diskutieren. Wenn sich dadurch schon einmal ein Problembewusstsein formiert, ist viel gewonnen. Die Expertenkreise legen keine konkreten Vorgehensweisen fest, sie stoßen aber im Idealfall einen öfentlichen Diskurs an. Denn bei der Digitalisierung geht es nicht primär um Technik, es geht um die Gesellschaft: Das Zurechtkommen mit Digital-Technologien wird künftig nicht nur eine Voraussetzung für die Teilnahme am Arbeitsmarkt sein, sondern eine Voraussetzung für die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben überhaupt. Und nein, wir können, die Digitalisierung nicht aufhalten – aber wir können bzw. müssen sie durch eine vorausschauende Digitalpolitik restringieren. So viel Digitaleinsatz wie nötig, aber so wenig Zwangsvernetzung wie möglich – das sollte die Direktive sein.

Zurück