syntra-Geschäftsstellenleiterin Eva Jocks im Interview mit Markus J. Kuhn, geschäftsführender Vorstand der Stiftung Betreuungswerk, über deren Leistungen und Angebote. Bildquelle: Bundesfoto / Uwe Völkner

Interview mit Markus J. Kuhn, geschäftsführender Vorstand der Stiftung Betreuungswerk

Seit über 130 Jahren engagiert sich die Stiftung Betreuungswerk für die Beschäftigten bei Post, Postbank und Telekom. Zunächst zur Unterstützung von Waisen gegründet, ist die Aufgabenbandbreite heute deutlich umfangreicher. 

syntra-Geschäftsstellenleiterin Eva Jocks spricht heute mit Markus J. Kuhn, geschäftsführender Vorstand der Stiftung, über deren Leistungen und Angebote. 

syntra: Herr Kuhn, Sie sind seit November 2024 geschäftsführender Vorstand der Stiftung – was hat Sie damals besonders an der Position gereizt?

Markus J. Kuhn: Ich war zuvor für die Stiftungsfamilie der Bahn im Managementbereich tätig und habe recht schnell gesehen, dass die Stiftung Betreuungswerk ein Riesenpotenzial in sich trägt, wir aber dringend mehr auf die Bedürfnisse unserer Destinatäre, also unserer Leistungsempfänger, fokussieren müssen. Unsere Welt wandelt sich gerade extrem, die Lebenswelten haben sich grundlegend verändert bzw. verändern sich stetig weiter. Wir haben heute viel mit veränderten Zielgruppen, ja auch Kulturen zu tun. Daher mussten wir als Erstes eine Fokussierung vornehmen und uns die Frage stellen, was unsere Klienten wirklich brauchen, um so Relevanz zu schaffen. 

Bei uns stehen Menschen im Mittelpunkt. Um deren Bedürfnisse erfüllen zu können, haben wir zunächst unsere Organisationsstruktur angepasst und effizienter gestaltet. Wir sind ein recht kleines Team mit bundesweit 26 Leuten, und als ich bei der Stiftung anfing, war so manche Position unbesetzt. Mittlerweile konnten alle Stellen kompetent nachbesetzt werden. Zuvor hatten wir acht Regionalstellen – diese haben wir auf fünf, analog zu den Himmelsrichtungen und der „Mitte“ angepasst, so dass wir nun deutlich effizienter aufgestellt sind. Bei der Notfall- und Waisenhilfe spielen beispielsweise eine schnelle Hilfe und Erreichbarkeit eine deutlich größere Rolle als die örtliche Präsenz. Daher haben wir uns in dem Bereich mit einem zentral koordinierten Team aufgestellt. 

syntra: Sie haben die Notfall- und Waisenhilfe angesprochen. Können Sie bitte kurz die Angebote der Stiftung beschreiben und etwas dazu sagen, wie diese entstanden sind?

Markus J. Kuhn: Neben der Waisenhilfe, die es seit über 130 Jahren gibt, bieten wir Unterstützungen in belastenden Lebenssituationen wie beispielsweise für Alleinerziehende, bei Krankheit oder Behinderung. Wesentliche Bedeutung haben die Soforthilfen in Katastrophenfällen, z. B. bei Hochwasser, Bränden, Unwettern oder humanitären Krisen. Zudem unterstützen wir die Kinder von einkommensschwachen Familien mit unserer Studienhilfe. 

Auch in der Seniorenarbeit sind wir sehr gut aufgestellt: Hier engagieren sich insgesamt 1.700 Ehrenamtliche, um zum Beispiel Ausflüge oder Veranstaltungen zu organisieren und so einer Vereinsamung von älteren Menschen aktiv vorzubeugen. Unsere Seminare zur Vorbereitung auf Rente & Ruhestand werden uns buchstäblich aus den Händen gerissen. Hier sehen wir eine deutlich gestiegene Nachfrage und wachsen stetig. 

Gerade sind wir gemeinsam mit der Telekom und den weiteren Postnachfolgeunternehmen dabei, ein neues Angebot ins Leben zu rufen: Es wird ein Mental Health Programm in Zusammenarbeit mit der Deutschen Depressionshilfe entwickelt, dass es Betroffenen beispielsweise ermöglicht, zuverlässig und in kürzester Zeit Zugang zu professioneller Hilfe zu erlangen. Denn die durchschnittliche Wartezeit auf einen Therapieplatz liegt hierzulande momentan bei 142 Tagen, das sind etwa fünf Monate bei gleichzeitig steigenden Fällen von psychischen Erkrankungen. Es macht mein Team und mich wirklich glücklich, dass wir hier ein relevantes Angebot für unsere Destinatäre schaffen können. 

In der Vergangenheit haben wir stark auf finanzielle Hilfen fokussiert. Da helfen wir gern und sicher wirksam, jedoch entwickeln wir nun ein Programm für die Hilfe zur Selbsthilfe. Ein Beispiel: Uns liegt ein Antrag von einer Person vor, die krankheitsbedingt Verdienstausfälle hat und beim Energieversorger hoch verschuldet ist. Um das angedrohte Abstellen des Stroms zu verhindern, unterstützen wir zügig. Das hilft fürs Erste und nimmt den Druck. Die Erfahrung zeigt uns jedoch, dass häufig eben genau diese Person wenige Monate später an einem anderen Punkt finanziell in Bedrängnis gerät. Die Ursache für die Schulden liegt oft eher an einem grundsätzlich falschen Umgang mit Geld oder beispielsweise einer Suchterkrankung. Daher entwickeln wir für solche Fälle derzeit ein Konzept, welches z. B. mit Beratungen, Schulungen oder Coachings auf die Ursachen der Notlagen eingeht. Das ist deutlich nachhaltiger und verhilft den Betroffenen langfristig und eigenständig wieder zu mehr Lebensqualität. 

syntra: Wie werden die Angebote der Stiftung denn angenommen?

Markus J. Kuhn: Unsere Unterstützungen sind ein echter Segen für betroffene Menschen – jedoch kennen uns und unsere Leistungen nach wie vor viele Mitarbeitende in den Postnachfolgeunternehmen nicht. Die Präsenz auf Veranstaltungen, wie z. B. großen Betriebsversammlungen etc. ist ein wichtiger Faktor für unsere Bekanntheit. In der Vergangenheit gab es aufgrund unserer personellen Unterbesetzung eine Durststrecke, insbesondere im Außendienst. Nun, da wir wieder mit voller Teamstärke unterwegs sind und uns auf zielgruppenrelevante Leistungen fokussieren, werden wir wieder für eine gesteigerte Nachfrage sorgen. 

Ich selbst bin in den letzten beiden Jahren kontinuierlich bei den Postnachfolge-Unternehmen unterwegs gewesen, habe auf verschiedenen Ebenen gemeinsam mit den entsprechenden Stakeholdern die für ihre Mitarbeitenden sinnvollen Leistungen und Strategien besprochen. Zudem sind wir fortwährend mit den Betriebsräten in den Unternehmen in Kontakt. Dadurch werden wir besser als integrativer Bestandteil wahrgenommen. Das zeigt sich in den Feedbacks, bei Einladungen zu Veranstaltungen und den vielen Anfragen, wenn es um unsere Unterstützung geht. 

Vor Kurzem hat eine Beschäftigtenbefragung stattgefunden, aus der wir als Betreuungswerk von unserem Team ein sehr gutes Feedback erhalten haben. Das zeigt mir, dass wir auf dem richtigen Weg sind und macht mich sehr glücklich. 

Unsere Arbeit hat viel mit Vertrauen zu tun. Wenn wir uns als Team aufeinander verlassen können, sind wir auch in der Lage unseren Zielgruppen vertrauensvoll zu helfen! 

syntra: Wie finanziert sich die Stiftung eigentlich? 

Markus J. Kuhn: Unser Personal- und Sachaufwand wird von der Bundesanstalt für Post und Telekommunikation getragen. Dies hat den immensen Vorteil, dass die Stiftungserträge, Spendengelder und Gelder aus Nachlässen 1:1 für unsere Leistungen verwendet werden können und ist somit auch eine gute Botschaft für unsere Spendenden. 

syntra: Haben Sie evtl. ein Angebot bzw. Projekt, das Ihnen persönlich besonders am Herzen liegt?

Markus J. Kuhn: Ja, das ist definitiv unser neues Mental Health Programm. Dafür brenne ich. Erst kürzlich war ich wieder bei einem Kongress zu diesem Thema und trage die feste Überzeugung in mir, dass das etwas ist, wo wir dringend helfen müssen. Auf der einen Seite sieht man den zunehmenden Bedarf der Betroffenen an solchen Leistungen, auf der anderen Seite die Entwicklung, dass Leistungen in diesem Bereich aktuell weiter gekürzt werden. Hier werden wir aktiv und spielen unser Ass aus: Wir haben dank unserer Spendenden die notwendigen Mittel für das Projekt. Je gezielter wir hier helfen können, desto besser. 

Wichtig ist aber: Ich bin so begeistert von all den Innovativen, was wir gerade schaffen. Aber auch was wir bisher tun und anbieten, ist absolut ehrenwert und wertvoll. 

syntra: Was treibt Sie jeden Tag in Ihrem Job an?

Markus J. Kuhn: Die Stiftung zu innovieren und nicht nur zu bewahren oder einfach formuliert: gestalten und nicht verwalten – das ist es, was für mich persönlich den Reiz ausmacht. Dabei bin ich mir meiner Werte sehr bewusst: Selbstwirksamkeit, Mut, Humor und Liebe treiben mich jeden Tag an. In diesem Job Positives bewirken zu können, ist meine absolute Triebfeder. Mit einem tollen Team hier bei der Stiftung Menschen mitzunehmen und Innovation voranzutreiben, motiviert mich. Dabei sind wir uns gewiss, dass wir uns in einem stetigen Wandel der Lebensrealitäten befinden, und dass diese spätestens in fünf Jahren schon wieder ganz anders aussehen als heute. 

Deshalb steht regelmäßig ein Offsite an, um uns neu einzuordnen und mit unserer Strategie zu beschäftigen. Wer sind unsere Zielgruppen und was benötigen sie? Mit dieser Frage beschäftigen wir uns kontinuierlich. Mein Führungsansatz ist agil und nicht hierarchisch – ich stehe dennoch vor und hinter meinen Leuten. Die Ausgestaltung dessen, was wir als unsere Strategie festgelegt haben, übernehmen wir gemeinsam, weil die Expertise bei den Teammitgliedern liegt. Das Zusammenspiel zwischen den einzelnen Ebenen und den Menschen zu orchestrieren ist anspruchsvoll und bereitet mir große Freude. 

Vielen Dank für dieses Interview!